Theater
für Kinder wieder im Untergrund
Während
in elitären Kreisen unter p.t. Fachleuten und Insidern darüber diskutiert
wird ob und wie man mit Kindern über Kunst reden soll; Fachtagungen zur
Bedeutung von philosophischen Gesprächen mit Kindern stattfinden; das
Wo, Wie und Wer der Begabtenförderung überlegt wird; Wie Kunst für Kinder
sein soll; wird das tatsächliche Kulturangebot für Kinder wieder in den
Untergrund gedrängt. Spielpläne, Zeitungsübersichten und Ankündigungen
beweisen diese Tatsache mehr als deutlich.
Theater
im tatsächlichen Sinn, mit all jenen räumlichen und technischen Gegebenheiten,
die als Grundvoraussetzung notwendig sind, kann schon deshalb nicht stattfinden
weil Kindertheater überall, aber kaum in Theaterräumen zu Hause ist. Zielgruppenbezogenes
Theater hat überhaupt keine Bedeutung mehr, weil Altersangaben absolut
willkürlich oder gar nicht angeführt werden. Das Kindertheater lebt mit
und durch Notlösungen, denn Kinder kennen ohnehin keinen Unterschied.
Hauptkriterien
für Veranstalter sind wieder: „Billig, wenig Aufwand und keine Sonderwünsche".
Eine Haltung, die zu Beginn meiner Tätigkeit – Ende der Achtzigerjahre-
eine durchaus gängige war. Der, sich daraus notwendiger Weise ergebende
Stil sind Straßentheatervariationen, die überall und ohne Anforderungen
realisierbar sind.
Nun
ist ja prinzipiell gegen Straßentheater absolut nichts einzuwenden, im
Gegenteil, es ist eine sehr publikumsbezogene und direkte Spielweise,
die Kindern entgegen kommt. Aber als Ausschließlichkeit ist es doch sehr
vehement in Frage zu stellen. Theater umfasst nämlich sehr viel mehr.
Das bewies auch die Entwicklung der 90erJahre. Nicht nur viele, sondern
stilistisch sehr unterschiedliche Gruppen bevölkerten die Landschaft und
neben Aufführungen bei Kindern nahm die Anzahl der technisch ausgestatteten
Veranstaltungsräume merklich zu. Freies Kindertheater fand so, erstmals
ziemlich flächendeckend, auch unter Theaterbedingungen statt. Der große
Auf- und Umbruch, ist längst Vergangenheit, die Veranstalterszene hat
Theater für Kinder wieder reduziert, ästhetisch-künstlerische Fragen stellen
sich damit kaum, Alterskonzepte sind weitgehend wieder finanziellen Überlegungen
gewichen. Viele Gruppen gibt es nicht mehr, einige wenige produzieren
„wertvolle", weil festivaltaugliche Kunst und sind von den Veränderungen
ohnehin nicht betroffen.
Die
Mehrzahl jener Künstler, die weiterhin für Kinder arbeiten, sind wieder
im Untergrund. Sie spielen nicht mehr AUCH sondern beinah ausschließlich
an Schulen, Kindergärten und in völlig ungeeigneten Räumen. An ungeeigneten
Orten und nicht selten vor Zuschauermassen zu spielen, verlangt auch künstlerisch
dem Rückschritt zu entsprechen. Freies Kindertheater wird zunehmend wieder
zu flott inszenierten Bilderbuchgeschichten, Liederprogrammen mit Rahmenhandlung
oder tumultartigem Spektakel, das man auch vor 600 Zuschauern zeigen
kann.
Ebenfalls
groß im Vormarsch sind neue Puppentheater, die allerdings wenig mit den
Entwicklungen und interessanten Formen des letzten Jahrzehnts zu tun haben.
Kleinfiguren, Tischbühnen und spieltechnisch fragwürdig, dafür aber billig
und ohne Aufbauzeit. Das Kasperltheater mit Prügelszenen und Tonband-
Stimme feiert Come-back. Ob die Kinder etwas sehen, die Stücke auch einen
Inhalt haben?
Egal,
es war billig, es war Theater und alle sind zufrieden.
Ist
es diese Entwicklung, diese Vielfalt, auf die mit so großem Stolz immer
wieder verwiesen wird?
Wie
sehr Kinder, besonders Kleinkinder, für tatsächliche Vielfalt empfänglich
sind; wie wichtig spezielle und altersbezogene Rahmenbedingungen sind;
wie nachhaltig sensible und poetische Stücke auf Kinder wirken können;
welche Bedeutung Licht als theatrales Stilmittel hat; ....
Das
alles haben wir, sicher in extremer Form, 8 Jahre lang im ICHDUWIR-Theater
erfahren dürfen. Erfahrungen, die auch nicht unwesentliche Auswirkungen
auf Inszenierungen für ungeeignete Räume hatten, da Aufführungen bei Kindern
eben auch, aber nicht ausschließlicher Aspekt von Kindertheater sind.
Den
Stellenwert des Kindertheaters wird unter den derzeitigen Bedingungen
keine, noch so ausgeklügelte, Imagekampagne helfen können.
„Von
Klein auf Lust auf Kunst" hat nämlich in erster Linie mit Rahmenbedingungen
und Atmosphäre zu tun.
Heide
Rohringer
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